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Locomotora a Cuba

Locomotora a Cuba

Addys Mercedes – Subway 5/2015
Die Deutschen trauen sich nichts

Sängerin Addys Mercedes singt von Freiheit und kubanischem Lebensgefühl. Mit ihrem Album „Locomotora A Cuba“ will sie die Zuhörer auf eine Zugfahrt nach Kuba mitnehmen. Doch erst einmal führt sie der Weg zur Internationalen Sommerbühne nach Wolfsburg. Im Vorfeld sprachen wir mit der gebürtigen Kubanerin über ihre Wurzeln, die tänzerische Verklemmtheit der Deutschen und welche Chancen ein liberaleres Kuba hätte.

Addys, wie würdest du deine Musik beschreiben?
Für eine Kubanerin ist meine Musik schon sehr modern. Ich mische verschiedene Musikrichtungen – Reggae-, Pop- und Rockeinflüsse sind auf allen meinen Alben zu hören. Natürlich hört man auch meine kubanischen Wurzeln heraus, allerdings ist meine Musik eher weiter weg von traditioneller kubanischer Musik. Die Texte meiner Lieder sind autobiografisch – sie erzählen von meiner Kindheit, meiner Zeit in Kuba, aber auch von meinen Träumen, die ich als Kind hatte. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, meine Mutter war alleinerziehend. Meine Geschwister und ich hatten nicht viel. Aber die Musik – die hatte ich immer im Herzen. Sie war für mich immer etwas, an dem ich mich festhalten konnte. Auch in meiner Anfangszeit hier in Deutschland hat sie mir viel Kraft gegeben.

Dein Album heißt „Locomotora A Cuba“ – Lokomotive nach Kuba. Warum sollte man in deine Lokomotive einsteigen?
Viele Leute, die noch nie auf Kuba waren, fragen mich immer wieder, wie das Leben dort ist, was typisch kubanisch ist und solche Dinge. Ich wollte eine Möglichkeit finden, ohne langen Flug – und ich muss dazu sagen, ich fliege wirklich ungern – nach Kuba zu gelangen. Die Leute mit den ganzen Fragen wollte ich mitnehmen. Und so kam ich auf die Idee von einer Lokomotive, die über das Meer nach Kuba fährt. Während der Zugfahrt könnten wir zusammen tanzen und Musik machen. Die Mitfahrer könnten kochen und wir könnten gemeinsam essen. Auf diese Weise bekommen sie bereits während der Fahrt einen Eindruck von Kuba.

Du hast im letzten Jahr zum ersten Mal Konzerte in Kuba gespielt. Wie war das für dich?
Seitdem ich hier in Deutschland lebe, bin ich schon mehrere Male zurück nach Kuba gereist, um meine Familie zu besuchen. Aufgetreten bin ich allerdings nicht. Im letzten Jahr habe ich dann zum ersten Mal dort Konzerte gespielt, ich habe Interviews gegeben und mich meinem Land präsentiert. Die Kubaner waren sehr neugierig und hatten viele Fragen zu meinem Leben in Deutschland. Das ist lustig, denn in Deutschland fragen immer alle nach dem Leben auf Kuba. Ich konnte mich viel mit den Kubanern austauschen – das war sehr interessant. Das wollte ich schon lange machen. Es war toll. Die Kubaner haben sehr positiv auf meine Musik reagiert, haben mitgesungen und viel getanzt.

Ist das kubanische Publikum anders als das deutsche?
Die Kubaner hören sehr auf den Text, das ist ein Unterschied. Die meisten Deutschen verstehen meinen Text nicht und hören daher eher auf die Melodie. Doch die Kubaner, die haben mitgesungen oder genickt bei meinen Liedern, weil sie nachvollziehen konnten, was ich singe. Außerdem haben sie mitgetanzt – und das ist der Hauptunterschied zum deutschen Publikum. Die Deutschen trauen sich nichts – sie wippen mit dem Fuß oder klatschen mit. Nach meinen Konzerten kommen sie oft zu mir und sagen: „Ich wäre so gerne aufgestanden und hätte getanzt!“ Und ich frage mich dann immer: „Warum macht ihr das nicht einfach?“ Mir kommt es so vor, als ob die Deutschen immer Angst haben, sich gehen zu lassen. Das ist in Kuba ganz anders: Wenn dort jemand tanzen will, dann steht er auf und tanzt. Am Anfang dachte ich immer, den Deutschen gefällt meine Musik nicht, weil sie meist nur da saßen und klatschten. Später habe ich verstanden, dass das an der Mentalität liegt. Sie mögen meine Musik schon – sie bringen es nur anders zum Ausdruck.

Gerade in den letzten Jahren hat sich Kuba international geöffnet. Welche Chance siehst du darin?
Ich finde es toll, dass Kuba sich jetzt allmählich auch international öffnet. Mit dem System, das wir hatten, haben wir lange genug gelebt und hatten damit gute und schlechte Zeiten. Es gibt viele junge Leute, die nach etwas ganz Neuem schreien. Sie wollen etwas anderes erleben und das haben die Kubaner auch verdient, finde ich. Sie sollten auch etwas anderes kennenlernen können und frei reisen dürfen. Ich möchte, dass die Kubaner die gleichen Erfahrungen machen und fremde Kulturen kennenlernen können wie ich. Ich kann aber auch gut verstehen, dass viele Kubaner Angst haben, dass diese Veränderung eher eine Verschlechterung mit sich bringt. Ich hoffe einfach, dass diese Öffnung Positives schafft – für Kuba, aber auch für andere Länder, die auf diese Weise Kuba kennenlernen können.

Deine Tochter Lia gehört zu deiner Band, mit deinem Lebensgefährten schreibst du deine Songs. Wie wichtig ist es dir, dass deine Familie ein Teil der Musik ist?
Das ist mir sehr wichtig, dass meine Familie an meiner Musik und meinen Erfahrungen teilnimmt – auch auf der Bühne. In Künstlerfamilien ist es manchmal so, dass Eltern und Kinder wenig Zeit miteinander verbringen können. Ich finde es toll, dass meine Tochter bei meinen Auftritten dabei ist. Aber das war nicht geplant: Lia hat schon sehr früh angefangen Geige und somit eher klassische Musik zu spielen – eine völlig andere Musik, als ich sie mache. Dann äußerte sie den Wunsch, einmal mit uns zusammen auf der Bühne zu stehen – damals war sie zehn Jahre alt. Sie machte immer mehr Konzerte mit und nach und nach wurde sie zu einem festen Teil unseres Teams und meiner Musik.

Bald trittst du auf der Internationalen Sommerbühne in Wolfsburg auf. Worauf freust du dich am meisten?
Ich habe sehr viele schöne Erinnerungen an die Auftritte in der Vergangenheit in der Region und auch in Braunschweig. Das Publikum ist mitgegangen und hat Stimmung gemacht. Man kennt mich hier, die Leute kennen meine Songs und können sogar teilweise den Refrain mitsingen – das ist ein tolles Gefühl. Auf der Sommerbühne treten viele verschiedene Künstler auf, es ist eine interessante Mischung. Da freue ich mich auf ein neues Publikum: Eines, das mich vielleicht zufällig hört und nicht alleine meinetwegen dort hinkommt. So kann ich vielen Leuten meine Musik näher bringen, die vielleicht sonst nie an sie heran getreten wären.


Subway
-Interview von Ann-Kathrin Ewald